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Vorsitz schützt vor Sprache nicht


Von Andreas Teipel

(04.12.17) Kann man jemanden mit dem Wort "Judenschwein" beleidigen, es jedoch nicht antisemitisch meinen? Ein Spieler der Kreisliga B hatte nach dem Spiel seine Gegner angeschrien und mit dem Begriff "Judenschweine" verbal attackiert. Das Mindestmaß für die Beleidigung eines Gegners liegt bei vier Wochen Spielsperre. Der Spieler erhielt eine Sperre von sechs Wochen. In der Begründung des Sportgerichtsvorsitzenden in der vergangenen Woche fiel dann jener unglückselige Satz: "Das Wort Judenschwein ist hier nicht als antisemitisch zu werten."

Da war es geschehen. Der Satz war raus. Und ich als Anwesender plötzlich sehr aufgewühlt. Wie kann das Wort "Judenschwein" nicht antisemitisch sein? Wie kann das Wort "Nigger" nicht rassistisch sein? Wie kann "Schwule Sau" nicht schwulenfeindlich sein? Natürlich sind Begriffe dieser Art in der Hitze des Gefechts schnell gesagt, und natürlich mögen die Verantwortlichen deshalb nicht gleich Rassisten, Schwulenfeinde oder Nazis sein. Doch geht es hier nicht um das Strafmaß oder den Hintergrund, warum der Spieler sich so geäußert hat. Als kritisch ist die Aussage des Vorsitzenden zu betrachten.

Nun sei zum jenem Vorsitzenden dringend gesagt, dass er im Ehrenamt bereits seit Jahrzehnten die Sportgerichtsfälle des Kreises betreut. Dabei war es stets seine Art, den Angeklagten Brücken zu bauen und die Hand zu reichen, wenn sich diese in ihren Lügen oder Halbwahrheiten verirrt hatten. Oft schon war ich überrascht, wie sehr er den Beschuldigten positiv und fürsorglich gegenüber gestimmt war - egal welcher Herkunft.

Ihn nun in die rechte Ecke zu stellen, würde seiner Leistung definitv nicht gerecht. Doch auch ein Vorsitzender eines Sportgerichts ist vor den Fallen der Sprache nicht gefeit. Statt in diesem Fall den Angeklagten zurechtzuweisen, ihn über die Tragweite und Schwere aufzuklären und ihm die Leviten zu lesen - gerade in Deutschland, wo das wohl schwerste Verbrechen der Geschichte an Juden verübt wurde -, beließ es der Vorsitzende dabei, dem Angeklagten zugute zu halten, er habe es ja nicht so gemeint.

Auch wir bei der Zeitung wissen, wie schnell einem eine Formulierung um die Ohren fliegen kann. Aber es stellt sich mittlerweile auch die Frage, wie sehr unsere Gesellschaft abstumpft, unempfänglich ist für die Zwischentöne und Mehrdeutigkeiten. Denn außer mir schien sich im Saal keiner an dieser Formulierung zu stoßen. Vieles wird hingenommen, kaum noch hinterfragt. Jenem Vorsitzenden antisemitische Gesinnung zu unterstellen, wäre wohl völlig fehlgedeutet, doch gilt doch für ihn, speziell in seiner hervorgehobenen Stellung, ganz besonders: Vorsitz schützt vor Sprache nicht.

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