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Lea Heitkamp trägt bei Blau-Weiß Aasee die Kapitäninnenbinde - natürlich in Regenbogenfarben. Sie wünscht sich noch mehr Offenheit im Umgang mit Homosexualität im Fußball. Foto: Ewald Freitag Fotografie

"Man muss mutig sein - auch wenn es schwierig ist"


Von Theresa van den Berg

(26.02.21) Lea Heitkamp (25) spielt bei Blau-Weiß Aasee und hat dort gelernt, offen zu ihrer Sexualität zu stehen, die sie zuvor jahrelang versteckt hatte. Wir haben mit ihr gesprochen - über ihren Weg, von dem Moment an, an dem sie realisiert hat, dass sie sich auch zu Frauen hingezogen fühlt, über das Coming-Out bis hin zu ihrer heutigen Sicht auf das Thema. 

 

Lea, du hast wahrscheinlich auch etwas von der 11Freunde-Kampagne "Ihr könnt auf uns zählen" mitbekommen. Wie beurteilst du die Situation im deutschen Fußball generell, was das Thema Homo- und Bisexualität angeht?

Heitkamp: Es gibt meiner Meinung nach einen großen Unterscheid zwischen dem Männer- und Frauenfußball. Das sieht man auch bei den Profis, wenn man sich auf der einen Seite Nadine Angerer, Pernille Harder und Magdalena Eriksson anguckt und dann feststellt, dass bei den Männern niemand offen schwul ist. Das kann statistisch gesehen ja schon nicht stimmen. Bei den Frauen wird viel offener und lockerer mit dem Thema Homosexualität umgegangen. Da muss meiner Meinung nach keine Spielerin Angst haben, sich zu outen - weder bei den Profis, noch im Amateurbereich.


Du sagst, bei den Frauen müsse niemand Angst haben, sich zu outen. War Angst bei dir auch nie ein Thema?

Heitkamp: Doch, Angst war bei mir ein großes Thema. Ich hatte lange Angst, offen dazu zu stehen. Heute kann ich aber sagen: Meiner Erfahrung der vergangenen Jahre und auch meiner Wahrnehmung nach ist der Frauenfußball eine sichere Umgebung für ein Outing bzw. für homosexuelle Frauen. Ich kann natürlich nicht für jeden Verein sprechen, aber ich hoffe, dass im Frauenfußball in Deutschland generell jeder das Gefühl vermittelt bekommt "Du wirst unterstützt, egal, wie Du bist und wen Du liebst." In Städten wie Berlin oder Köln ist die Sexualität der Spieler und Spielerinnen wahrscheinlich gar kein Thema. Auf dem Land kann das aber schon wieder anders aussehen.


In Havixbeck - also auf dem Land - hast du angefangen mit dem Fußballspielen, mittlerweile spielst du seit Sommer 2019 bei Blau-Weiß Aasee. Welche Rolle hat der Wechsel bei deinem Outing gespielt?

Heitkamp: Bei dem ganzen Prozess war der Schritt zu Blau-Weiß Aasee total wichtig für mich. Vorher hatte ich die Bedenken, dass es negativ aufgefasst wird, weil die Menschen dort vielleicht seltener mit Homosexualität konfrontiert werden und Vorurteile haben könnten. Was im Endeffekt nicht so war, aber in unserer Mannschaft war das Thema einfach nicht so präsent. In dem neuen Umfeld habe ich gemerkt, dass das alles gar kein Ding ist. Ich war positiv überrascht, dass es in diesem Verein nicht zu einer großen Sache gemacht wird, wenn es gleichgeschlechtliche Paare oder Ehepaare gibt. Generell habe ich bei den Vereinen in Münster das Gefühl, dass dort mit dem Thema Homosexualität gar nicht wirklich umgegangen wird, weil damit nicht umgegangen werden muss. Es ist normal. Es muss nicht extra betont und thematisiert werden.


Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass du dich auch zu Frauen hingezogen fühlst und wie war das Gefühl für dich? 

Heitkamp: Das erste Mal realisiert, dass ich auf Frauen stehe, habe ich schon mit 18. Ich hatte lange Zeit Angst davor, es preiszugeben. Ich habe es verdrängt und es immer wieder mit Männern versucht, bin aber im Endeffekt nie glücklich geworden. Es hat immer etwas gefehlt. Vor allem in den letzten zwei Jahren vor meinem Outing, in denen ich es immer deutlicher gemerkt habe, habe ich sehr darunter gelitten. Ich hatte immer das Gefühl, keiner weiß, wie ich wirklich bin. Keiner weiß, wie ich wirklich fühle und was in meinem Kopf vorgeht. Aber ich war zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht so weit, um es jemandem zu erzählen und habe es weiter versteckt. Ich habe wirklich gedacht, dass ich es niemals öffentlich leben werde. Am Ende waren meine Sorgen aber total unbegründet.


Wie hat dein Umfeld auf dein Coming-Out reagiert und wie bist Du an die ganze Sache herangegangen?

Heitkamp: Nicht nur meine Freunde und meine Mannschaft, auch meine Eltern und Verwandten haben toll reagiert. Ich stehe jetzt seit einem dreiviertel Jahr dazu, dass ich auf Frauen stehe und auch eine Freundin habe. Irgendwann habe ich mich einer Freundin aus der Mannschaft anvertraut und es dann nach und nach einigen Freundinnen und weiteren Freundesgruppen erzählt und schlussendlich ein Bild bei Instagram gepostet. So haben es die Leute erfahren, ohne, dass ich es allen sagen musste. Zwischen dem Tag im März, an dem ich es der ersten Freundin erzählt habe und dem Instagram-Post lagen sieben Monate. Die Reaktionen, die ich mitbekommen habe, waren durchweg positiv. Ob es die Likes oder Kommentare waren, oder auch die Nachrichten, die ich bekommen habe. Das, was hinter meinem Rücken geredet wird, bekomme ich ja nicht mit - aber ich glaube nicht, dass da viel Negatives dabei war. Auch auf dem Platz habe ich persönlich noch nie Anfeindungen erlebt oder ähnliche negative Erfahrungen gemacht und auch noch nie bei meinen Mitspielerinnen davon gehört.


Gab es trotzdem irgendetwas Negatives, was dir bezüglich deines Outings im Kopf geblieben ist?

Heitkamp: Eine Sache vielleicht, die man aber eigentlich auch wieder positiv sehen muss. Meine besten Freunde waren traurig, dass ich mich nicht eher getraut habe, etwas zu sagen. Es tat ihnen total Leid für mich, dass dieser Prozess so lange gedauert hat. In diesem Moment haben sie sich schlecht gefühlt, wobei ich ihnen natürlich nie einen Vorwurf gemacht habe. Ich brauchte diese Zeit einfach für mich.


Bereust du es, dass du so lange mit deinem Coming-out gewartet hast?

Heitkamp: Nein. Ich habe sechs Jahre, seitdem ich gewusst habe, dass ich auf Frauen stehe, gebraucht, bis zu diesem Schritt. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie es gewesen wäre, wenn ich schon früher in meinem Umfeld mit dem Thema konfrontiert worden wäre, zum Beispiel durch einen früheren Wechsel zu Aasee. Dann wäre es wahrscheinlich eher dazu gekommen. So hatte ich das Gefühl, dass ich preisgeben muss, etwas zu sein, was nicht der Norm entspricht und einfach anders ist. Deswegen habe ich diese Zeit für mich gebraucht und war vorher noch nicht in der Lage, es jemandem zu erzählen. Aber im Endeffekt weiß ich heute auch nicht mehr, woher meine unnötigen Befürchtungen kamen und denke mir, ich hätte es schon Jahre eher machen sollen. Man muss sich einfach aus seinem Versteck wagen und ich glaube, es wird noch lange dauern, bis viele nicht mehr das Gefühl haben, dass das so ist. Im Frauenfußball ist das wie gesagt nicht mehr die Regel, bei den Männern hingegen aber sehr. Ich bin der Meinung, dass der Frauenfußball da eine absolute Vorbildfunktion einnehmen kann. Es läuft zwar noch nicht alles perfekt und es ist auch noch nicht für alle Normalität, aber wir sind auf einem guten Weg.


Wie können Vereine deiner Meinung nach den Weg zu noch mehr Normalität und Selbstverständlichkeit unterstützen und vorantreiben? Und was macht dein Verein deiner Meinung nach schon richtig?

Heitkamp: BW Aasee ist für mich ein krasses Paradebeispiel. Vor allem durch unseren Trainer Kolja Steinrötter, der sich für jegliche Diversität einsetzt. So etwas wünsche ich mir für jeden Verein, weiß aber natürlich auch, dass das nicht realistisch ist. Man kann aber in den sozialen Netzwerken wie Instagram oder Facebook anfangen, öffentliche Zeichen zu setzen, Beiträge zu teilen und zu unterstützen. Man kann auf dem Feld ein kleines Statement setzen und mit einer Regenbogen-Kapitänsbinde auflaufen. Ich glaube, unabhängig der einzelnen Mannschaften, braucht es im Verein generell Leute, die sich für dieses Thema stark machen, darauf aufmerksam machen und damit vielleicht auch den ein oder anderen zum Nachdenken anregen. Das beginnt jedoch nicht in den jeweiligen Teams, sondern muss von den Verantwortlichen und dem Vorstand vorgelebt werden.


Warum glaubst Du, ist beim Thema Homosexualität der Unterschied zwischen Männern und Frauen so groß?

Heitkamp: Es geht oft darum, möglichst männlich zu sein - da sehe ich das Konstrukt Männerfußball generell als renovierungsbedürftig an. Die 11 Freunde-Kampagne ist eine super wichtige Aktion, aber auch nach dem Outing von Hitzlsperger hat kein Profi den Schritt gewagt. Und Sätze wie von Philipp Lahm, dass man sich besser erst nach der Karriere outen solle, machen es nicht besser. Im Gegenteil, dann sind wir in 100 Jahren noch an dem gleichen Punkt. Auch, wenn das Thema Homosexualität im Fußball im Jahr 2021 normal sein sollte, ist es das nicht. Ich finde es traurig, aber genau deswegen müssen wir es weiter thematisieren. Für einen Wandel muss darauf aufmerksam gemacht werden, man muss mutig sein - auch wenn es schwierig ist. Vielleicht muss eine Vielzahl der Profis vorneweg gehen, sich untereinander solidarisieren und gemeinsam diesen Schritt in die Öffentlichkeit wagen. So, dass die Fans sehen, dass es einfach die Gesellschaft abbildet und sich dann auch Amateure eher trauen.



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